Beweglichkeitstraining und Dehnen – wann und warum?

 

Wie bekannt, ist jede Form des Trainings nur dann sinnvoll, wenn sie zielgerichtet eingesetzt wird. Gerade die Dehnung der Muskulatur wird leider nicht immer zielgerichtet angewandt.

Vielmehr muss die differenzierte Anwendung der verschiedenen Formen des Dehnens in den Vordergrund rücken.
 

Berücksichtigt werden müssen: das individuelle Befinden, die folgenden Übungen und die anschließend zu bewältigende Belastung. Durch falsche Dehnungsmethoden wird die Verletzungsgefahr oft sogar erhöht und Bestleistungen von vorne herein ausgeschlossen.

Dehnungsübungen können einerseits eigenständiger und hauptsächlicher Inhalt einer Trainingseinheit sein, oder im Aufwärmprogramm vorkommen. Dehnübungen beim Aufwärmen dürfen aber nicht mit speziellen Trainingseinheiten mit dem Ziel der Verbesserung der Beweglichkeit verwechselt werden.
 

Die Aufgabe der Dehnungsübungen im Rahmen des Aufwärmens ist die Aktivierung der Muskel- und Sehnenspindeln auf ein optimales und der folgenden sportlichen Belastung angepasstes Niveau.

 

Grundsätze des Dehnens im Auf- und Abwärmen

 

Bei besonders beweglichen Sportlern stellt sich die Frage, ob Dehntechniken überhaupt zur Steigerung der Beweglichkeit eingesetzt werden sollen und ob diese Beweglichkeit für die Sportart von Nutzen ist. Eine zu hohe Beweglichkeit kann eine Einschränkung der Gelenkstabilität bedeuten. Dies kann eine Erhöhung des Verletzungsrisikos mit sich bringen und so leistungsmindernd sein. Es muss also zuerst festgestellt werden, ob eine Erhöhung der Beweglichkeit sinnvoll ist.
 

Dehnungsübungen sollten immer erst nach ausreichendem Aufwärmen erfolgen. Erst bei einer Erhöhung der Körperkerntemperatur auf ca. 39° ist eine optimale Zunahme der Elastizität und Plastizität der Muskelfasern zu erwarten und die Verletzungsgefahr der Strukturen wird herabgesetzt.
 

Wenn die folgende Belastung hohe Geschwindigkeiten oder Krafteinsätze abverlangten, müssen andere Dehnungstechniken  Anwendung finden, als wenn eine ausgeprägte Beweglichkeit, wie im Ballet oder der Sportgymnastik im Vordergrund steht.

 

 

Dehnungsarten und –methoden

 

Wirkung von Dehnungen

 

 

Dehnungsarten

 

  1. Aktiv-statisches Dehnen

 

Der Muskel wird durch Kontraktion (Anspannung) der antagonistischen Muskulatur (Gegenspieler) in die Dehnstellung gebracht und bleibt dort 8-30 Sekunden lang. Pro Muskel erfolgen 2-3 Wiederholungen.

Einsatz: zur Vorbereitung auf Training und Wettkampf

 

  1. Aktiv-dynamisches Dehnen

 

Aus der leichten Vordehnung erfolgt durch rhythmische Kontraktion des Antagonisten eine Verstärkung der Dehnung. Das Nachfedern erfolgt in sehr kleinen, einschleichenden Bewegungen, ohne dass am Muskel „gerissen“ oder „gezerrt“ wird. Wiederholungszahl 15-30 Sekunden in 3-5 Serien

Einsatz: zur Vorbereitung auf Training und Wettkampf

 

  1. Passiv-dynamisches Dehnen

 

Gleiche Vorgehensweise wie beim aktiv-dynamischen Dehnen, nur dass die Dehnung durch einen Partner, der Schwerkraft oder anderer Muskeln unterstützt wird, anstatt durch die antagonistische Muskulatur.

Einsatz: zur Vorbereitung auf Training und Wettkampf

 

  1. Passiv-statisches Dehnen

 

a.)    gehaltenes Dehnen (=Stretching): Es wird eine Dehnstellung eingenommen, bei der ein leichtes „Ziehen“ spürbar ist und diese Position 8-30 Sekunden gehalten. Bei der zweiten Wiederholung kann die Dehnposition etwas vermerkt werden. Pro Muskelgruppe sollten 2-3 Wiederholungen durchgeführt werden.

Einsatz: zur Nachbereitung von Training und Wettkampf; zur Vorbereitung auf Training und Wettkampf (WICHTIG: kürzere Dehndauer, nicht an die Schmerzgrenze gehen)

b.)    Anspannungs-Entspannungs-Dehnen (AED/CHRS):

C = contract = anspannen,

H = hold = halten der Anspannung 8-10 Sekunden lang,

R = relax = entspannen 1-2 Sekunden

S = stretch = dehnen 8- 10 Sekunden lang.

Die Anspannung erfolgt  mit mittlerer Intensität, das Dehnen wie beim Stretching. Die vier Elemente zusammen ergeben einen Dehnzyklus. Der ganze Zyklus sollte 3-5mal wiederholt werden, wobei die jeweils nächste Anspannung aus der vorigen Dehnstellung erfolgt.

Einsatz: Krankengymnastik

c.)    Statisches Dehnen mit Antagonistenkontraktion:

Nach dem Einnehmen der Dehnstellung wird die Dehnung durch Anspannen des Antagonisten verstärkt. Die Dehnung wird 8-15 Sekunden gehalten und 2-4mal je Muskelgruppe wiederholt.

Einsatz: Krankengymnastik

 

 

Wirkungen der aktiven Dehnungsformen:

 

 

Wirkung der passiven Dehnungsformen

 

 

Dehnen vor und nach Ju-Jutsu Technik- und Wettkampftraining

 

Vor dem Training:

 

Nach dem Training:

 

Nach diesem theoretischen Abriss zum Beweglichkeitstraining werden im nächsten Beitrag Erläuterungen zu muskulären Dysbalancen (Ungleichgewicht der Muskulatur) folgen, sowie Standardübungen für zur Verkürzungen neigenden Muskeln.

 

Text: Steffen Heckele

 

Literaturverzeichnis: beim Autor erhältlich!

 

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